Nachrichten vom anderen Ende der Welt

Japaner in Tokio mit schwarzem HutMode ist immer so eine Sache: Was heute als modern empfunden wird, ist es morgen schon nicht mehr, und neben dem Faktor Zeit spielt wohl auch die Geographie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Will heißen: Was im einen Land als der Mode letzter Schrei gilt, ist 5.000 km entfernt eine Sache für die Karnevalskiste. Und weil Mode nun einmal alle Lebensbereiche umschließt, gilt das auch für Hüte. Hüte bieten viel Gestaltungsfreiheit - sie sind zwar in erster Linie Schutz vor Regen, Sonne und neugierigen Blicken, können aber mit Krempen, Schleiern und Schirmen recht ausladend gestaltet sein. Mehr "am Hut" heißt, dass es mehr Grundfläche zum Gestalten gibt. Designer können sich am Hut also so richtig austoben. Im Laufe der letzten 150 Jahre hat die Hutmode denn auch entsprechend viele Eigenartigkeiten hervorgebracht.

Im Europa der 1910er Jahre

... war man sich des modischen Potentials der Hüte sehr bewusst. Hüte waren nicht nur eine Frage von Klasse, sondern fester Bestandteil der Mode und vor allem bei den Damen sehr präsent. Neben kleinen, zierlichen Modellen, den Schuten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den zu Ende der Dekade neu aufkommenden Hüten in Glocken- oder Topfform kamen flache Hüte, die breite Krempen hatten und damit sehr viel Freiheit in der Gestaltung boten. Farbe und Material des Hutes war eine Sache, eine ganz andere waren Bänder, Schleifen, Blüten, Blätter, Federn und andere Zierelemente. Die große Herausforderung für die Hutträgerin bestand jeweils darin, dass der Hut einerseits zu ihrer Figur und ihrem Gesicht passen musste, andererseits aber auch zur Jahreszeit und zu ihren übrigen Kleidern. Diese Regel gilt bis heute - bei allen gesellschaftlichen Anlässen, zu denen Hutpflicht herrscht, muss das beachtet werden. Allerdings gibt es heute nicht "die Mode", sondern viele verschiedene Strömungen, die nebeneinander existieren. Hutmode ist flexibel wie nie, und von schlicht und elegant über topaktuell bis hin zu farbenfroh und auffällig ist wirklich alles möglich. Am eindrucksvollsten sieht man das in Tokyo ...

... wo Hutmode straßentauglich ist.

Japaner mit Panamahut in Tokio

Während die Hüte in Europa im Straßenbild recht selten sind, sieht man im Großraum Tokyo die Damen eher selten ohne Kopfbedeckung im Freien. Der Grund ist das Wetter. Scheint die Sonne, will man die Sonne vom Haar fernhalten (auch Japanerinnen färben, und die Sonneneinstrahlung lässt das Haar bleichen) und Gesicht und Nacken vor Bräune schützen. Bei Regen, Wind und Kälte soll der Hut dagegen trocken und warm halten. Mützen tun es im Zweifelsfall auch, und ganz skurrile Modelle von Kopfbedeckung kombinieren die warme Mütze mit einer breiten Hutkrempe. Accessoires trägt der Hut derzeit in Japan nicht, ein einfaches Hutband oder eine Hutschnur sind genug Zierde. Allerdings gibt es noch eine Sonderform von Hut: Eine Art Visier, für Regentage durchsichtig und für sonnige Sommertage getönt, schützt das Gesicht großflächig. Meist kommt dieser Sonnenschild alleine daher, manchmal sitzt er aber auch Hut und kann sogar nach oben geklappt werden.

Warum Hutmode?

Traditionell spielen Hüte in Japan in der einfachen Bevölkerung zumindest modisch gesehen keine große Rolle. Der arbeitende Mensch trug einfache Kopfbedeckungen, um die Sonne oder Schmutz bei der Arbeit vom Kopf fern zu halten - mehr steckte nicht dahinter. In der gebildeten Aristokratie war der Hut Zeichen des Rangs, nach chinesischem Vorbild. Dementsprechend gab es eine strikte Ordnung, wer welche Art von Hut tragen durfte. Das ist aus dem europäischen Adel so auch bekannt. Die Hüte, die in Japan heutzutage getragen werden, haben mit diesen historischen Formen allerdings nichts mehr zu tun. Am häufigsten sieht man Hüte in der Machart von Akubras und Borsalinos, Fedoras, im Winter Glockenhüte für die Damen (alle anderen Hüte werden auch von den Männern getragen), Panamahüte für die modisch experimentell eingestellten jungen Leute und Schuten für die sonnenscheuen Damen im Sommer. Hutmode ist in Japan unglaublich abwechslungsreich. In den einschlägigen Geschäften in Shibuya und Harajuku findet man allerdings noch mehr. Der Stetson ist auch in Japan vertreten, bisweilen aus Leder anstelle Filz gefertigt, und den Baxter findet man gleich daneben.

Jung und Alt

Japaner mit Hüten in Tokio am Shibuya Crossing

Die Hutmode verbindet die Generationen und die verschiedenen sozialen Klassen in gewisser Weise, denn Hüte findet man bei jedem und jeder. Sportbegeisterte Männer aller Jahrgänge tragen Baseball Caps, die Mädchen mögen die verschiedenen Filz- und Strohhüte, Anglerhüte und Hiashüte tragen überwiegend die Herren, und Baskenkappen gibt es vor allem bei den modebewussten jungen Leuten beiderlei Geschlechts. Insofern ist die Hutmode sehr demokratisch. Allerdings wird der Hut überwiegend zu westlicher Mode getragen, zum Kimono gibt es für die Damen keine Kopfbedeckung. Eine Ausnahme bilden hier zeremonielle Anlässe. Übrigens leisten nicht nur Hüte Kopfbedeckung: Auch Sonnenschirme stehen zumindest bei den Damen in Japan hoch im Kurs.